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In der christlichen und jüdischen Tradition sind die Erzählungen von Ismael, Abrahams erstgeborenem Sohn und seiner Mutter Hagar oft als Kontrastfolie zu Sara und Isaak verstanden worden, denn nur auf dem jüngeren Bruder Isaak ruht in der Genesis die Erwählung Israels. Dieses Kontrastmodell, das sich schon bei Paulus (Gal 4) findet, kann aber nicht erklären, warum von Hagar und Ismael theologisch außerordentlich gehaltvoll erzählt wird. Denn Ismaels Geburt geschieht im Horizont der Abrahamverheißung, sein von Gott selbst bestimmter Name ist Programm. Sie zeigt den die Not erhörenden Gott Israels. Auch die Mehrungs- und Segenszusagen der Väterverheißungen, Bundesschluss und Beschneidungszeichen werden mit Ismael verbunden. Und wie Isaak teilt Ismael auch die furchtbare Erfahrung, vom eigenen Vater auf Gottes Geheiß preisgegeben zu werden (Gen 21,9-21; 22). Indem Abraham den göttlichen Willen vollzieht, verliert er am Ende keinen seiner beiden Söhne. Obwohl der Schwerpunkt der Erzählung auf dem jüngeren Bruder Isaak als Israel-Erben Abrahams ruht, wird Ismael als Erstgeborener und Stammvater arabischer Völker nicht nur genealogisch, sondern auch theologisch in eine Verheißungskonzeption eingebunden, welche die göttliche Fürsorge auch im Hinblick auf nichtisraelitische Völker aus der Nachkommenschaft Abrahams bedenkt. Thomas Naumanns Studie nimmt die Erzählung als israelitische Ursprungserzählung ernst und fragt konsequent danach, was es für Israel und seine Identitätskonstruktion bedeutet, so und nicht anders zu erzählen.
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